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| Eröffnungsrede zur Ausstellung "UNFOCUSED VIEW" – in der Pasinger Fabrik/München
Stefan-Maria Mittendorf M.A.
Die eindeutig von Unschärfe gezeichnete Fotografie öffnet dem Betrachter den Blick in das Innere eines Raumes, welcher farblich in Rot und Gold gestimmt ist. Durch die Disposition der beiden Buntfarben im Bild, kann das Rot als Wandfarbe resp. eine rotfarbene Wandbespannung und das Gold als Markierung eines Bar-Tresens oder eines Kuchenbüfetts innerhalb einer räumlichen Situation identifiziert werden. Im Vordergrund rechts ist die verschattete Silhouette eines Menschen abgebildet. Der Titel der Fotografie lautet: „Italien Coffeehouse“, 2003. Der Autor trägt den Namen Alexander Wolf. Der 1965 in Berlin geborene und ebendort lebende Fotograf Alexander Wolf begibt sich seit 1998 mit der Kamera auf die Suche nach jenen Momenten, die für den Künstler nicht steuerbar sind. - „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, so schreibt Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“, in dem er den Menschen durch das Leben wandern lässt. Das Leben ist stets Neubeginn, ganz gleich in welcher Phase der Mensch sich befindet. Immer wieder ist dem Anfang ein Zauber mitgegeben. Vom Zauber des Anfangs oder besser des Moments kündet Wolfs Fotografie „Italian Coffeehouse“. Bei der Suche nach einer bildnerischen Referenz bin ich in meinem kunsthistorischen Gedächtnis im Werk des Amerikaners Edward Hopper fündig geworden. Das legendäre Gemälde „Nighthawks“ aus dem Jahr 1942 stellt für mich den Link zu Wolfs Fotografie dar. Beiden gemeinsam ist der Ort des Geschehens: bei Hopper ist es eine beleuchtete Bar und bei Wolf ist es ein Kaffeehaus in Turin. Wolf hatte dieses gemeinsam mit seinem Künstlerkollegen Luigi Caiffa nach den anstrengenden Vorbereitungen für eine Gemeinschaftsausstellung in Turin aufgesucht. Während sich die Künstler bei Kaffee und Sahneschnitten stärkten, spürte Wolf am Ort diesen Moment des Zaubers, zückte seine Digitalkamera und hielt damit diesen Moment für die Ewigkeit fest. Es ist im Grunde die Methode der Dokumentationsfotografie, die von Wolf hier vollzogen wird. Allerdings geht er einen wesentlichen Schritt weiter, welcher sich im Ergebnis der Fotografie in der Unschärfe manifestiert. Für Wolf ist die Kamera eine Verlängerung des menschlichen Auges und bietet die Möglichkeit das Wahrnehmungsverhalten des Auges deutlich zu erweitern. Dies geschieht durch den Autofokus der Kamera, der nun zwischen Schärfe und Unschärfe (= Abstraktion) oszilliert. Diese Gratwanderung fängt im letzten Moment Wolf mit seiner Kamera ein. Eine derartige Herangehensweise an das fotografische Bild spielt evident mit den Mitteln der Malerei. Wolfs ästhetischer Zugriff auf die Fotografie zwischen Schärfe und Abstraktion hat seine Wurzeln am Beginn der klassischen Moderne, wie sie hier in München vornehmlich durch die Künstler des „Blauen Reiters“ begründet worden ist. Kandinskys malerische Bildfindungsprozesse ereigneten sich zwischen der großen Realistik und der großen Abstraktion. - „Das zum Minimum gebrachte Gegenständliche muß in der Abstraktion als das am stärksten wirkende Reale erkannt werden“. (…) „Das zum Minimum gebrachte Künstlerische muß hier (in der Realistik) als das am stärksten wirkende Abstrakte erkannt werden“, so formuliert es Kandinsky in „Über die Formfrage“ im Almanach „Des Blauen Reiters.“ Auf das fotografische Verfahren des Alexander Wolf übertragen bedeutet dies für kleinteilige Motive den Einsatz von mehr Schärfe und für großteilige das digitale Gewährenlassen von mehr Unschärfe. Die Genres, in welchen Wolf sich vornehmlich aufhält sind Architektur, Porträt und Filmstill. In dieser Ausstellung werden eine Auswahl von Porträts der Serie „Personalities“, die „Schwimmerserie“ und „Filmstills“ präsentiert. (.......) „Peter In The Gym“, 2004 wurde von mir als Titelfoto für die Ausstellung ausgewählt. Entstanden ist die Fotografie während eines Urlaubs in Spanien. Bei einem Training in einem Sportstudio, hat sich Wolf farblich und strukturell von den Farben Blau und Rot der Sportbekleidung eines Kollegen motivisch zu dieser Aufnahme hinreißen lassen. Neben der auch hier erneut anzutreffenden Unschärfe kommt nun eine weitere ästhetische Komponente mit in das Spiel: Es ist die Koloristik, der Farbklang von Blau und Rot, der über den sportlichen Männerköper einen Spannungsmoment oder aber auch Zauber aufbaut. – Von einer anderen Farbspannung lebt das Großformat „Green And White Stripes“. Die Genesis dieser Aufnahme ist in diesem Fall von Wolf geplant gewesen. Angezogen vom Farbakkord Grün-Weiß im Bademantel Luigi Caiffas, kommt es in 2003 zur fotografischen Inszenierung des Porträts des Künstlerfreundes. Ein weiteres Feld der Motivsuche betritt Wolf beim Zappen vor dem heimischen Fernseher. Bei der Fotografie „Oh No, No Joe“, 2001 handelt es sich um einen Filmstill. Die beiden Protagonisten geben sich im Enface als Doris Day und rücklings angeschnitten als Rock Hudson zu erkennen. Die Fotografie „Asian Beauty“, 2002 entführt uns in die Filmwelt der „Drei Engel für Charly“. In dieser Momentaufnahme ist Lucie Lue gerade damit beschäftigt, den vermeintlich bösen Protagonisten zu massieren. Auch hier nähert sich der Fotograf dem Motiv mit dem „Unfocused View“. Alexander Wolfs Platz auf der fotografischen Landkarte ist ein Platz, den er sich ganz und gar bewusst ausgesucht und erarbeitet hat. Er verfügt über eine visuelle Kultur, die tiefer geht als bei jedem anderen zeitgenössischen Fotografen. Erwartungsvoll öffnet der Fotograf den Vorhang zu seiner Umwelt, neugierig teilt er die Kulissen, beiläufig überschreitet er Grenzen und streift Fesseln ab um den göttlichen Moment des Zaubers in die Fotografie zu bannen. Der Modus ist ein digital erweiterter Blick auf eine in der Welt erschaute Wirklichkeit. (....) |
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