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„PERSONALITIES“
Olaf Richter, Hamburg 2004
Ende der 90er Jahre kam ich mit den Arbeiten von Alexander Wolf das erste Mal in Berührung. Alexander, den ich bereits viele Jahre kannte, überraschte mich damit, dass er das Fotografieren für sich entdeckt hatte. Als er mich einlud, um seine Arbeiten zu zeigen, war ich zunächst etwas peinlich berührt. Ich arbeitete bereits seit einiger Zeit am fotografischen Nachlass des Fotografen Herbert List, und hatte mein Auge an der klassischen S/W Photographie geschult und geschärft. Es war mir unangenehm, mich mit den ersten Arbeiten eines Autodidakten auseinandersetzen zu müssen, der dazu noch ein Freund war.
Doch es kam alles ganz anders. Alexander und ich saßen an einem Tisch und betrachteten seine Bilder. Ich war überrascht und musste schnell erkennen, dass weite Teile meines Bewertungsinstrumentariums hier nicht passten. Wo sonst formal Schärfe, Detail, exakt bemessenen Lichtverhältnisse und die hiermit erreichte Tiefe als Maßstab für fotografische Meisterschaft galten, ist bei Alexander vielfach die Abwesenheit dieser Kriterien festzustellen. Er reduziert ein komplexes Bild auf die wesentlichen Farbflächen, so dass mal eine impressionistische Malerei, mal ein verschwommenes Aquarell und ein anderes mal eine komplett abstrakte Komposition zum Vorschein kommt.
Malerische Fotografie
Der Relation der Fotografie zur Malerei kann man fotohistorisch nachspüren. Schon in Ihren Ursprüngen verstand die Fotografie sich als künstlerisches und nicht rein dokumentierendes Medium. Malerei und Fotografie arbeiten mit ähnlichen kompositorischen Mitteln. Portrait, Stillleben oder Landschaftsbild waren seit Anbeginn auch Genre des fotografischen Schaffens. Goldener Schnitt, ein wohl komponiertes Spiel von Licht und Schatten, sowie grafisch interessante Perspektiven gehören zur Ästhetik der Fotografie, wie zur Malerei. Sie sind Mittel einer Formsprache, die eine Ästhetik der fotografischen Mimesis zuspitzen, und damit im paradoxen Gegenzug die Fotografie von dokumentarischer Wiedergabe und tatsächlicher Mimesis entfernen.
Alexander Wolfs malerische Fotografie benutzt auch alle Kunstgriffe diese von der Malerei entwickelten Formsprache, doch liegt sein Schwerpunkt auf der weitmöglichsten Entfernung zur Mimesis. Eine maximale Ferne, welche die Möglichkeit des Wiedererkennens gerade noch aufscheinen lässt. Was dort erkannt wird, ist nicht wesentlich. Das Bild soll dem Betrachter genügend großen Anreiz geben, einen erfolgversprechenden Leseprozeß zu initiieren. Ob im Spiel dieser Lektüre der Betrachter oder das Bild im Mittelpunkt stehen, bleibt offen. Die Betitelungen der Arbeiten stellen zwar sicher, dass man es hier nicht mit einem fotografischen Rorschach Test zu tun hat, doch ähnlich wie die Tintenkleckse, oszillieren Wolfs Bilder merkwürdig zwischen den Dimensionen: zwischen betonter Oberfläche und flüchtiger Tiefe.
Die intensivierte Oberfläche der Fotografie
Viel ist über die Kamera als ein technische Extension des Sehapparates des Menschen nachgedacht worden. Die Revolution der Digitalisierung hat diese Extension noch um einiges erweitert. Mit einer digital erweiterten Sichtweise tastet Alexander Wolf seine Umwelt ab. Seine Bilder entstehen nicht in einer aufwendigen Postproduktion am Schreibtisch, wo das Werk erst die erwünschte Form annimmt. Wolf geht es um etwas Unmittelbares, das mit dem Akt des Sehens und Erkennens verknüpft ist. Der Blick wird elektronisch vereinfacht und reduziert: Aus dem komplexen Vorbild der Realität wird ein vereinfachtes und dennoch intensiviertes Abbild. Wolfs aus Farbfeldern bestehende Fotos lassen den Betrachter an einem Sehen teilhaben, das an die visuelle Wahrnehmung eines Tieres oder einer Maschine erinnert.
Wolf spielt mit dem Abzug von Tiefe und Detail und erhält im Tausch eine alle Aufmerksamkeit auf sich ziehende Oberfläche. Entgegen den Bildoberflächen der Malerei hat das Foto keine erkennbaren Aufträge, Strukturen oder Bewegungen. Wolf spitzt diese Differenz noch weiter zu, in dem seine Bildoberflächen durch eine silikon-verklebte Acrylglasplatte sprichwörtlich spiegelglatt sind. Es ist, als wären diese spiegelnden Oberflächen Metapher für eine oben beschriebene Lektüre-Bewegung, die zwischen Betrachter und Bild ständig pendelt. Die Oberfläche, und nicht irgendein in der Tiefe zu entzifferndes Konzept, ist Schauplatz von Lese- und Schaulust.
Die anonyme Erotik von Wolfs Akten und spärlich bekleideten Personen, sowie die Serie der „International Beauties“ vermitteln diese Lust vielleicht am besten. Es ist die Lust an einer verführerischen Oberfläche und Abwesenheit von Details. Ein detailgenaues Erkennen stünde einem solchen Genuss nur im Wege. Wolfs Arbeiten wollen emotional und nicht konzeptionell entdeckt werden. Sie sind Personenbilder, ohne Portrait zu sein, Akte ohne vorgetäuschte Intimität. Es geht nicht um ein verstecktes Wesen der dargestellten Personen, sondern um die freudige Entdeckung eines ästhetisch überaus befriedigenden Form. Ein Körper, der genau das ist, was er darstellt: Ein leerer Signifikant, der sich der persönlichen Sinnaufladung anbietet. Wolfs Bilder sind ausreichend ungenau um eine Projektionsfläche der betrachtenden Phantasie zu sein. Doch sind Sie auch genau genug, um als topografische Karten sensuell erfahrbarer Objekte unserer Realität dem Genuss zu Hilfe zu kommen.
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