Review

Photography Alexander Wolf
DIE HEITERE SCEPSIS DER FARBE
Sebastian Preuss

Wie soll man diese Bilder nennen? Sind es Foto-Gemälde, ist es Malerei ohne Malerei oder Fotografie ohne fotografische Doktrin? Alexander Wolf nutzt die Kamera wie einen elektronischen Pinsel. Die moderne Digitaltechnik erlaubt es ihm, schon beim Fotografieren durch Solarisation die Farbwerte zu komprimieren, die sich dadurch in malerischer Weise zu abgegrenzten Feldern formieren. Das natürliche Farbspektrum wird in seinen Valeurs reduziert und vereinfacht, es entstehen grobkörnig entrückte, zum Teil stark abstrahierte Kompositionen ohne Schärfe oder Tiefenwirkung. Das Motiv, das ursprünglich durch den Sucher zu sehen war, ist nach der digitalen Umwandlung meist kaum noch zu wiederzuerkennen. Auf die Nachbearbeitung am Computer verzichtet Wolf völlig. Ihn fasziniert die unmittelbar verfremdete Wahrnehmung, die ihm die Digitalkamera bereits vor Ort bietet. Seine Methode erzielt ähnliche Bilder wie der visionär-analytische Blick eines Malers. Unwillkürlich denkt man an den Synthetismus Paul Gauguins und der Nabis, die die Formen und Farbwerte des Gesehenen isolierten und zu ornamentalen Flächen verschmolzen. Dabei betreibt Wolf kein Mysterienspiel, sondern löst die Rätsel der verschwommenen Kompositionen in seinen Titeln auf. So erweist sich eine gelbe Amöbe in einem frivol roten Schlund als sein kleiner Patensohn, ein wabernder Farbsee als "Porträt von Shelly" oder ein pointilistischer Goldregen als Abendhimmel. Einige Motive erkennt man trotz der Verfremdung sofort, andere erst aus größerer Distanz, wenn das Auge die isolierten Farbwerte wieder zusammenführt, manche bleiben enigmatisch. Hier kommt Wolfs Spiel mit dem Fokus zum Tragen, dem klassischen Mittel der Fotografie, malerische Stimmungen oder inhaltliche Irritationen zu erzeugen.

Neben ihren Reflektionen über die visuellen Rätsel der Weltwahrnehmung verweisen Wolfs Fotografien zugleich wie Kunstmanifeste auf das spannungsreiche Verhältnis der Fotografie zur Malerei. Seit die neuen Lichtbilder die Natur so perfekt nachahmen konnten wie kein Gemälde es je vermochte, verlor die Mimesis an Wirkkraft für die klassischen Kunstgattungen. Der Realismus wurde zum Schimpfwort unter den Malern und Bildhauern der Avantgarden, die begannen, den menschlichen Körper, die Landschaft und die Dingwelt zu fragmentieren und zu atomisieren. Und als in den sechziger Jahren die Pop-Künstler, Minimalisten und Konzeptualisten das in der westlichen Welt allmächtige Diktat der Abstraktion brachen, entwickelten die Maler neue Formen der Auseinandersetzung mit der Fotografie. Das reicht von Warhols Nachmalungen von Konsumgütern bis zum haarfeinen Fotorealismus, der mit der Lichtbildnerei wetteifert und sie zugleich in ihrem Anspruch auf perfekte Mimesis in Frage stellt. Epoche machte Gerhard Richter in den sechziger Jahren, als der Ausstieg aus dem Bild und das Ende der Malerei proklamiert wurde, mit seinen verschwommenen Foto-Nachahmungen - gerade heute greifen jüngere Künstler wieder lebhaft auf diese Meta-Malerei zurück, entwickeln ihre Werke aus fotografischen Vorlagen und mit fotografischen Mitteln. Die Fotografie ihrerseits zielte seit ihrem Bestehen nach malerischen Mitteln. Die experimentellen Fotogramme von Christian Schad, Man Ray öffneten dabei den Weg in die Abstraktion. Neben der realistischen, dokumentarischen oder erzählerischen Fotografie existiert seit den Piktorialisten des 19. Jahrhunderts eine breite Strömung malerischer Lichtbildnerei, die mit Verfremdung, Collage, Manipulation beim Fokussieren und beim Entwickeln sowie neuerdings mit digitalen Eingriffen zu malerischen Wirkungen gelangt.

Dies alles rufen Alexander Wolfs Fotografien in Erinnerung. Er widersteht dem modischen Pseudodokumentarismus, den schnellen Bildern aus der Alltagswelt, die sich im Glanz von Nan Goldin und Wolfgang Tillmans sonnen. Wolf bietet kontemplative Traumwelten voller Distanz zum Gesehenen. Bei ihm werden Badestrände zu heiteren Paradiesgärten, Architekturdetails zu kostbaren Strukturen, banale Straßenszenen zum psychedelischen Drogentrip. Ein Ladengeschäft mutiert zum Farbteppich in der Manier von Matisse, ein Gesicht in der Sonne flimmert wie ein thermisches Wärmebild. Die Digitaltechnik erschließt ungeahnte, Sinneseindrücke - mit heiterer Skepsis führt uns Alexander Wolf durch dieses magische Universum.